Bildung

Zusammenfassung aus: Schneider, Andreas, Laos: Geschichte, Bildungswesen und Humankapitalentwicklung im 20. Jahrhundert. Untersuchungen zur personellen Entwicklungszusammenarbeit am Beispiel der Reintegration laotischer Absolventen deutscher Bildungseinrichtungen. Frankfurt/M., Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2000. Europäische Hochschulschriften: Reihe 3, Geschichte und ihre Hilfswissenschaften. Bd. 883 (ISBN 3-631-36381-8).

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Laos spielte während der französischen Besetzung nur eine periphere Rolle für die Kolonialisten. Hintergrund für die Eroberung waren in erster Linie militärstrategische Aspekte. Laos sollte als Pufferzone gegenüber dem britischen Einflussgebiet und in geringerem Maße gegenüber Siam dienen. Kurzfristig dominierten deshalb politische und militär-strategische Interessen, mittel- und langfristig ökonomische Interessen, vor allem der erhoffte handelspolitische Zugang zu den Südwestprovinzen Chinas. In diesem Zusammenhang ist noch einmal auf das relativ geringe wirtschaftliche Interesse an Laos zu verweisen. Im Rahmen dieses Gesamtkonzeptes schenkten die Franzosen dem Bildungsbereich in Laos nur wenig Aufmerksamkeit. Ihre kulturellen und erziehungspolitischen Implantate blieben auf die wenigen administrativen Zentren beschränkt. In diesem Zeitraum dominierte noch die traditionelle theravada-buddhistische Ausbildung und Erziehung, die in den Tiefebenen durch die Mönche in den lokalen Klöstern getragen wurde. Sie existierten in fast jedem Dorf der ethnischen Lao. Die ländlichen Gebiete in den Ebenen und die Siedlungsräume der vor allem in den Bergen und auf den Plateaus lebenden ethnischen Minderheiten blieben von diesem Bildungssystem weitgehend unberührt und die Analphabetenquote betrug dort fast 100 Prozent. Als Resultat des französisch-siamesischen Interaktionsprozesses um die Vorherrschaft über das Mekong-Tal, der die vietnamesisch-siamesischen Auseinandersetzungen ablöste, wurde das zentrale Siedlungsgebiet der ethnischen Lao geteilt und der Großteil der ethnischen Lao, der westlich des Mekongs lebte, unwiderruflich in das siamesische bzw. später thailändische Staatswesen zwangsintegriert.

Das französische Bildungswesen blieb bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges ein Privileg der aristokratisch geprägten Elite der ethnischen Lao. Die ersten im Ausland ausgebildeten laotischen Fachkräfte aus dieser Gruppe hatten in Vietnam, Kambodscha oder Frankreich studiert. Die laotischen Intellektuellen rekrutierten sich aus der Aristokratie und Beamtenschaft, die sich fast ausschließlich aus ethnischen Lao zusammensetzten. Dies wirkte sich später entscheidend auf die […] geschichtlichen Ereignisse nach dem Zweiten Weltkrieg aus. Verglichen mit den anderen Teilen Französisch-Indochinas legten die Franzosen nur einen begrenzten Wert auf die Förderung und Herausbildung des laotischen Humankapitals und kompensierten das Fehlen indigener Fachkräfte mit vietnamesischen Arbeits- und Fachkräften, die in diesem Zeitraum in Laos auch im Bildungssektor dominierten. Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges waren Laoten fast völlig von der inhaltlichen, planerischen und konzeptionellen Mitarbeit und Mitverantwortung ausgeschlossen.

Das galt u.a. für die Erarbeitung der Curricula bis hin zum Schulmanagement. Trotz der Einbeziehung in den ersten - den französischen - Indochinakrieg wurden in den Jahren 1953 und 1954 mehr Schulen eröffnet, als in den Jahren der Kolonialherrschaft bis 1945. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde einem breiteren Kreis von Kindern ein Schulbesuch möglich. Allerdings blieben die bildungspolitischen Aktivitäten bis 1954 noch auf die urbanen Kerngebiete beschränkt. Höhere Bildung blieb der Mittel- und Oberschicht vorbehalten. Dennoch wurden in dieser Zeit die ersten, wenn auch bescheidenen Grundlagen für den Ausbau des modernen laotischen Bildungswesens gelegt. Erstmalig konnte im Rahmen des modernen Schulwesens die Mittelschule und später auch das Abitur in Laos absolviert werden. In den sechzig Jahren von 1893 bis 1953 absolvierten insgesamt nur sieben Laoten eine Universitätsausbildung. In diesem Zeitraum schlossen außerdem insgesamt nur 118 Personen die Mittelschule und 32 das Abitur ab. Eine Hochschulausbildung war in den letzten zehn bzw. zwanzig Jahren vor 1954 möglich. Diese Fakten belegen noch einmal das geringe Interesse der Franzosen an Laos im Allgemeinen und dem laotischen Bildungswesen im Besonderen.

Das höher qualifizierte Humankapital, welches das moderne Bildungssystem durchlaufen hatte, beschränkte sich demnach bis 1954 auf einen Kreis von weniger als 200 Personen. Dennoch darf in diesem Zusammenhang nicht übersehen werden, dass ohne die bildungspolitischen Aktivitäten der Franzosen, die damalige Situation möglicherweise noch wesentlich schlechter gewesen wäre und eine Modernisierung nicht stattgefunden hätte. Was sich in diesem Zeitraum ohne den französischen Einfluss entwickelt hätte, bleibt offen. Bei aller Kritik muss anerkannt werden, dass zumindest die wesentlichen Voraussetzungen für die Herausbildung des einheimischen Humankapitals geschaffen wurden, die ohne eine weiterführende Ausbildung in Vietnam und Frankreich nie in dem, wenn auch bescheidenen Maße erfolgen hätte können. […]

Nach dem Ende der französischen Vorherrschaft im Jahre 1954 erfolgte durch die nachfolgende Spaltung des Landes eine unterschiedliche Entwicklung im Bildungswesen. Durch den durch das nationale Erwachen nach dem Zweiten Weltkrieg hervorgerufenen Laotisierungsprozess erhielt die Ausbildung von lokalem Know-how einen hohen Stellenwert. Der Großteil des hochqualifizierten Fachkraftpotentials konzentrierte sich auf die Vientianer Zone und war aktiv in dieser oder jener Form in den königlich-laotischen Verwaltungsapparat integriert. Eine kleinere Gruppe einheimischer Fachkräfte arbeitete in der Administration und Führung der Neo Lao Haksat in der Befreiten Zone. Neben den Facharbeitern und Technikern setzten sich diese einheimischen Fachkräfte aus Lehrern, Verwaltungsangestellten, Führungskräften der Armee und anderen Intellektuellen zusammen. Diese Elite entstand jedoch nicht neu, sondern rekrutierte sich aus Teilen der bis zum ersten Indochinakrieg bereits existierenden Gruppe. Neue Gruppen sollten sich erst langsam und schrittweise herausbilden. In der Befreiten Zone wurden sie in Vietnam oder durch vietnamesische Instruktoren bzw. in geringerer Anzahl in den sozialistischen Ländern des Ostblocks, vorerst und bis in die sechziger Jahre vor allem in Vietnam und der Sowjetunion, ausgebildet. Das Humankapital der königlich-laotischen Administration wurde nach 1955 durch Absolventen einer weiterführenden Ausbildung in Frankreich, den USA und Kanada personell verstärkt. In den Jahren von 1955 bis 1973 wurde die Ausbildung in der Sekundarstufe und den Berufsschulen durch die USA […] gefördert.

Infolge der Machtübernahme der Laotischen Revolutionären Volkspartei im Jahre 1975 und der Absichtserklärung, einen sozialistischen Entwicklungsweg einzuschlagen, verließen viele Intellektuelle, Teile der Führungselite und sonstige höher qualifizierte Fachkräfte der ehemaligen Vientianer königlich-laotischen Administration das Land. Ihnen folgten die bis 1975 in Laos im höheren Bildungswesen arbeitenden Ausländer (vor allem Franzosen), womit sich, um einen Kollaps des Bildungssektors zu verhindern, die Notwendigkeit der Kompensierung der Personallücken erheblich verschärfte. Es galt, die fehlenden Personalressourcen möglichst kurzfristig zu ersetzen, was ohne ausländische Hilfe und Unterstützung nicht möglich war. Eine Ausbildung im Ausland wurde in den ersten Jahren der Volksdemokratie nach 1975 vor allem in der UdSSR, in Vietnam, der DDR, Polen, Ungarn, Bulgarien, der Tschechoslowakei, der Mongolei und Kuba möglich.

Von 1975 bis 1985 begann die laotische Regierung mit der planmäßigen Entwicklung des Bildungswesens auf gesamtnationaler Ebene. […] 1980 wurde nach offiziellen Angaben das Analphabetentum beseitigt. Herrschte von 1975 bis 1985 ein absoluter Fachkräftemangel, so führte der quantitativ enorm ausgebaute Sektor der Berufs- und Hochschulausbildung sowie die große Anzahl der im Ausland ausgebildeten Fachkräfte Mitte der 80er Jahre zu einer partiellen Sättigung des Arbeitsmarktes. Die Aufnahmefähigkeit einzelner Berufsgruppen war erschöpft. Deshalb wurde die Ausbildungskapazität im Inland temporär vorsichtig eingefroren. Der neue Wirtschafts- und Reformkurs orientierte nicht mehr so stark auf den Ausbau der industriellen Basis. Eine weitere Stufe wurde dann infolge der globalen, weltpolitischen Veränderungen mit dem Zusammenbruch der sozialistischen Staaten in Ost- und Südosteuropa eingeleitet. Mit diesem Einschnitt veränderte sich auch die weitere Wirtschaftsentwicklung. Die Privatisierung und Schließung unrentabler Staatsunternehmen führte zu einem sprunghaften Ansteigen einer verdeckten Arbeitslosigkeit, die sich zwangsläufig auch auf die Ausbildung auswirken musste. Deshalb hat sich beispielsweise die Anzahl der aufgenommenen Auszubildenden und Studenten 1994/95 im Vergleich zu 1991/92 um 50 Prozent reduziert.

Die sozialistischen Länder dominierten bis 1990 als äußere Geber. Im Bildungsbereich erhielt Laos vor allem von der Sowjetunion, Vietnam und der DDR umfangreiche Hilfe, die sowohl die Entsendung von Experten und Beratern als auch die Aufnahme von laotischen Auszubildenden, Studenten, Promovenden und Fachärzten zur Aus- und Weiterbildung umfasste und damit die Humankapitalentwicklung entscheidend beeinflusste. Nach 1990 wurde der Ausfall der Hilfe der sozialistischen Länder relativ unproblematisch durch neue bilaterale und vor allem durch multilaterale Geber, wie die Weltbank und die ADB [Asiatische Entwicklungsbank], kompensiert. Die Begriffe Sozialismus und Kommunismus wurden aus dem öffentlichen Sprachgebrauch und der Verfassung gestrichen und pragmatisch durch den marktwirtschaftlich orientierten Kurs und neues, von den neuen Gebern erwartetes Vokabular ersetzt. Für die erfolgreiche Umsetzung des Transformationsprozesses von der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft stellen die im Ausland ausgebildeten laotischen Fachkräfte eine wichtige personelle Basis dar. Diese einheimischen Fachkräfte, unter ihnen auch laotische Absolventen deutscher Bildungseinrichtungen, könnten eine nachhaltige und zumindest relativ eigenbestimmte, den spezifischen Wünschen der laotischen Seite entsprechende Entwicklung wesentlich bereichern und umsetzen helfen. Ohne ihre Einbeziehung und Integration dürfte die gesellschaftspolitische Gesamtkonzeption des laotischen Weges aufgrund der weitgehenden Abhängigkeit von außen kaum zu garantieren sein.

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